
„Es ist jetzt bald ein Monat, dass ich hier bin und ich könnte bereits seitenweise über unsere Freunde, unser Leben und all die schönen Erfahrungen, die ich machen durfte, schreiben.
Zuerst möchte ich Euch Tanti Doina vorstellen. Sie lebt in einem der großen Wohnblöcke in unserer Nähe. Erst sind wir gar nicht in das Gebäude gekommen, weil die Klingelanlage kaputt war. Daher haben wir uns vor die Tür gesetzt und den Rosenkranz gebetet, bis ein Mann kam, der Schlüssel hatte und uns in das Treppenhaus gelassen hat. Es hat eine Weile gedauert, aber schließlich kam auf unser Klopfen hin, Tanti Doina an die Tür. Es schien ihr an diesem Tag nicht gut zu gehen. Ihre Wohnung war unaufgeräumt, dunkel und roch nach Zigarettenrauch. Sie sitzt den ganzen Tag rauchend auf ihrer über und über mit schmutzigen Kleidern bedeckten Couch und schaut auf ihren kleinen flimmernden Fernseher. Sie hatte wohl seit einiger Zeit weder Sonnenlicht gesehen noch frische Luft geatmet. Weil sie uns aber etwas anbieten wollte, schickte sie uns kurzerhand zum Geschäft: Orangensaft und Kaffee für uns und Zigaretten für sie. Wie wir wiederkamen, raffte sie sich auf und spülte drei Gläser von dem Haufen schmutzigen Geschirrs, welcher sich in ihrer Küche türmte. So saßen wir draußen vor ihrer Wohnung in ihrem winzigen “Garten” und hörten ihr zu. Tanti Doina ist gebürtige Rumänin und daher für uns schwieriger zu verstehen als unsere ungarischen Freunde, die etwas langsamer reden, weil sie keine Muttersprachler sind. Erst wenn wir sie auch beim fünften Mal nicht verstehen, holt sie schließlich ihr Englisch hervor. Je länger wir ihr zuhörten, desto mehr erzählte sie. Von ihrer Familie, die sie kaum sieht und von der sie ausgenutzt wird, von ihren gesundheitlichen Problemen - sie hat Krebs und starke Schmerzen und sieht auf einem Auge nichts mehr wegen einer misslungenen Operation - und von ihrem Leben. Wir konnten viel nicht verstehen, aber das schien ihr nicht so wichtig zu sein. Vielmehr war sie froh, dass wir bei ihr saßen, mit ihr gelacht und geweint haben, sie einfach angeschaut und ihr zugehört haben.“
Therese (ehemalige Freiwillige in Rumänien)
„In der Nähe unseres Hauses gibt es ein Waisenhaus, das wir regelmäßig besuchen. Von zweien der Kinder möchte ich Euch erzählen. Wenn wir Zeit mit ihnen verbringen, benötigen sie wirklich konstant die völlige Aufmerksamkeit, Zuneigung, Achtsamkeit und Hilfe. Ich glaube wir sind nun wie Eltern für sie, was eine große Verantwortung für uns bedeutet. Deshalb versuchen wir sie ca. alle 3 Wochen, mit anderen Freunden die ein Auto haben zu besuchen oder sie aus dem Waisenhaus herauszuholen um bei uns zu Hause Zeit mit ihnen zu verbringen. Wir sind nämlich auch die einzigen Freunde, die sie außerhalb des Waisenhauses haben. Jeden Sonntag rufen sie uns an um mit uns zu sprechen. Für mich ist die Freundschaft mit ihnen eine echte Herausforderung, da ich mich selbst ganz zurückstellen und meine Bequemlichkeit beiseite legen muss. Ich merke wie schwer es mir fällt die beiden zu lieben, weil diese Liebe wirklich Opfer bedeutet und ich nicht viel dabei zurückbekomme. Es ist die Liebe die mich direkt zum Essenziellen ruft, ans Kreuz.
Ein anderes Kind aus dem Waisenhaus ist Lautaro. Lautaro ist ein Kind mit so viel Kraft, Energie und Freude, die er jedoch so sehr schwer ausleben kann. In seinem Rollstuhl versucht er vergeblich, sich hin und her zu bewegen, doch der Gurt, der fast seinen ganzen Oberkörper anschnallt, macht es ihm sehr schwer. Zugleich hat er so eine riesige und natürliche Sehnsucht nach Menschlichkeit, Beziehung, Zärtlichkeit und Liebe, die er von den Pflegerinnen kaum bekommt. Er erinnerte mich sofort an Jesus. So voller Unschuld, aber doch mit einem so großen Kreuz. Genau wie Jesus festgenagelt am Kreuz, dürstend nach Liebe, ist Lautaro festgeschnallt am Rollstuhl dürstend nach Liebe. Und ich durfte wie Maria einfach da sein. Ihm das Wenige geben, was ich hab, wer ich bin, aber ihm gleichzeitig alles geben. Mein Sein, meine Zeit, meine Zuneigung. Für mich war es wirklich so als wäre Jesus direkt vor mir in Lautaro und ich durfte ihn in seinem Leid begleiten. Ich freue mich schon riesig auf die weiteren Momente, die ich hoffentlich mit Lautaro teilen darf.“

Fernando (ehemaliger Freiwilliger in Uruguay)

„Gut zwei Monate ist es nun her, dass ich Deutschland bei 10 Grad und Regen mit warmer Jacke und Stiefeln am Leib verlassen habe. Mit 30 Grad und strahlendem Sonnenschein hat mich Griechenland empfangen.
Am Flughafen hat ein mit Plakaten ausgestattetes und aufgeregt winkendes Empfangskomitee auf mich gewartet. Mit einem herzlichen „Kalos irthates, Elisa! Welcome!“ haben mich Clara und Anais aus der Gemeinschaft von Praesentia (die griechische Partnerorganisation von Offenes Herz) umarmend willkommen geheißen. Danach schaute ich in drei etwas verloren dreinblickende Kindergesichter – Geschwister aus Kamerun, wie ich im Nachhinein erfahren sollte. „Während wir auf Elisa gewartet haben, wart ihr noch ganz aufgeregt. Und jetzt, wo sie endlich da ist, müsst ihr sie schon auch begrüßen“, ermunterte Clara sie lachend. Patty war die erste, die auf mich zukam und mich ein wenig scheu umarmte. Als ich auf Daniel zuging, drehte er sich mit einem vehementen „No, no!“ weg. Und ich habe verstanden: Eine völlig fremde Person umarmt er nicht. Logisch. Alex streckte mir dann auf dem Weg zum Auto verstohlen eine Sprite zu, die ich lächelnd und dankbar annahm, berührt von diesem ersten Zeichen einer Annäherung. So befand ich mich kurze Zeit nach meiner Ankunft mit zwei neu hinzugewonnen Schwestern und drei Kindern, die mir bald darauf zu Freunden werden sollten, in einem in die Jahre gekommenen Renault – einem Fünfsitzer wohlgemerkt – auf dem Weg in das Viertel, das ich inzwischen mein Zuhause nennen kann. Auf nach Kypseli!
Dass unsere Wohnung in Athen bald zu meinem Zuhause geworden ist, habe ich meinen Mitfreiwilligen zu verdanken. Vom ersten Tag an wurde ich wie ein neues Familienmitglied aufgenommen und sie sind mir wirklich zu Schwestern geworden. Bianca aus Rumänien mit einem Bachelor in Psychologie kam kurz vor mir an und wird bis nächsten September bleiben. Wir teilen beim Griechischlernen kleine Freuden – „So viel habe ich vor zwei Wochen noch nicht verstanden!“ – und Frustration – „Was heißt ‚kochen‘ nochmal? Das habe ich jetzt schon fünfmal gefragt und kann es mir immer noch nicht merken.“ Clara aus Österreich hat vor ihrer Zeit in Athen ihr Abitur gemacht und ist inzwischen seit über einem Jahr hier. Roki aus der Ukraine und Anais aus Frankreich leben schon einige Jahre hier und sind wegen ihrer Erfahrung wertvolle Ratgeber in jederlei Hinsicht. Die drei, die schon länger hier sind, haben Bianca und mich in unserer Anfangszeit Schritt für Schritt in unseren Alltag eingeführt. Das beinhaltet praktische Fragen wie „Was muss ich beachten, wenn ich heiß duschen will?“ oder „Mit welchem Bus komme ich zu da und dort hin?“ Vor allem aber nehmen sie uns in die Freundschaften mit hinein, die sie selbst bei ihrer Ankunft empfangen und über die Zeit weitergetragen, geprägt und vertieft haben; oder in die Freundschaften, die sie neu geschlossen haben, damit wir sie wiederum mittragen und weiterführen.“
Elisa (Freiwillige in Griechenland)
„Im Laufe dieses Jahres haben wir Omaida und Maria Antonia kennengelernt. Omaida hatte uns beobachtet, wie wir Tag für Tag um 7.25 Uhr an ihrem Haus vorbeigegangen sind und um 8.10 Uhr in die andere Richtung zurück. Wir waren auf dem Weg zur Messe. Eines Tages sprach sie uns an und fragte, was fünf Ausländerinnen denn da machen - diese Frage stelle sie sich Tag für Tag. Wir waren erst etwas vorsichtig, sie kam uns ein bisschen seltsam vor, erklärten ihr aber, wir seien Freiwillige und würden die Leute besuchen. Kurze Zeit später traf meine Mitfweiwillige Jimena sie erneut und sie erzählte ihr, dass sie eine alte Dame, María Antonia, betreue, dass es nicht leicht sei, sie viel zu kämpfen habe und lud uns ein, sie doch auch einmal zu besuchen.
An diesen ersten Besuch erinnere ich mich gut. Ich stand mit Jimena vor ihrer Haustür und wir überlegten, wie sie hieß, damit wir nach ihr rufen konnten. Und zu meinem großen Erstaunen, als ob sie uns schon ewig kennen würde, führte sie uns direkt in das Schlafzimmer von María Antonia („Einfach durchgehen, Mädels, fühlt euch wie zu Hause.“), und da waren wir also.
Wer sind die beiden eigentlich? María Antonia ist 94 Jahre alt, ihre Tochter und Enkelin wohnen in Kanada, sie selbst wollte nie mit auswandern. Inzwischen ist sie zu alt und zu krank, um allein leben zu können und so kümmert sich Omaida, 46 Jahre, um sie. Omaida hat dafür ihre beiden Töchter bei ihrer Mutter gelassen und ist zu Maria Antonia gezogen, denn sie braucht Tag und Nacht jemanden, der nach ihr schaut. Maria Antonia ist sehr dünn, ihre Haut sensibel, oft hat sie offene Wunden. Die meiste Zeit des Tages liegt sie in ihrem Bett, weigert sich aufzustehen, um zu Omaida in den Salon zu gehen, möchte aber gern, das Omaida sich neben sie setzt und ihr zuhört. Das geht natürlich nicht, denn Omaida muss sich auch um den Einkauf, das Haus, das Essen etc. kümmern und macht nebenbei noch Näharbeiten, um ihren Verdienst aufzubessern. Diese Situation, das Zusammenleben dieser beiden starken Charaktere, führt oft zu schwierigen Momenten. Omaida sagte uns jedes Mal, wenn wir kamen: „Ach Mädels, ihr kommt mal wieder perfekt. Immer, wenn ihr kommt, brennt es gerade zwischen uns. Nach euren Besuchen spüre ich Frieden.“

Antonina (ehemalige Freiwillige auf Kuba)
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